Ich gebe es zu - und diejenigen Leser, die mich schon wirklich lange kennen, werden sich vielleicht erinnern - ich hatte immer eine Abneigung gegen Kafka. Mittlerweile vermute ich, dass der Deutschunterricht mir die Chance geraubt hat Kafka an mich heranzulassen, denn das Analysieren und Interpretieren der einzelnen Bausteine und Ebenen verhindert manchmal einen klaren Blick auf die so eindrückliche Atmosphäre. Vielleicht war ich auch einfach jung, blöd und ignorant. Das kann ich aber jetzt nicht gut zugeben, da ich ja doch ziemlich altklug war.
Jedenfalls stoße ich schon seit geraumer Zeit immer wieder auf Zitate Kafkas, die eine erstaunlich große Wirkung auf mich haben. Angefangen hat es glaube ich mit folgendem Zitat:

 “Das Buch ist die Axt für das gefrorene Meer in uns.”

Erschreckend, wenn ich überlege wie viel ich früher gelesen habe, und wie wenig ich heute lese. Manchmal entdecke ich eine regelrechte Unfähigkeit, mich auf Bücher einzulassen.  Wenn man Medientheorien glauben schenkt, dann liegt das vor allem an der verstärkten Nutzung des Internets und ähnlich schnelllebigen Kommunikations- und Informationsvermittlungsmedien, die die Konzentrationsspannen verkürzen. Vielleicht liegt es aber auch tatsächlich daran, dass das Lesen von Büchern manchmal unbequem intensiv ist. Dies trifft zumindest auf die Texte Kafkas zu, die ich immer noch nicht bis ins Detail verstehe, die aber in mir heute Emotionen jenseits des “Der ist doch geisteskrank” wecken. So zum Beispiel auch folgende Parabel:

 Ich befahl mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeute. Er wusste nichts und hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er mich auf und fragte: “Wohin reitest du, Herr?” “Ich weiß es nicht,” sagte ich, “nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.” “Du kennst also dein Ziel?” fragte er. “Ja,” antwortete ich, “ich sagte es doch: »Weg-von-hier«, das ist mein Ziel.” “Du hast keinen Essvorrat mit,” sagte er. “Ich brauche keinen,” sagte ich, “die Reise ist so lang, dass ich verhungern muss, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Kein Essvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise.”

Ich merke eine gewisse Unfähigkeit, in Worte zu fassen was dieser Text in mir auslöst. Das erklärt wohl auch ein weiteres Mal meinen Unwillen, über Interpretationsansätze in einem unfreundlichen Klassenraum zu diskutieren.

 

Sätze, auf die ich bei meiner Kafka-Kennenlerntour gestoßen bin und die mich berührt und getroffen haben, möchte ich euch an dieser Stelle -wortlos meinerseits- an den Kopf knallen oder ans Herz legen.  Ich für meinen Teil begebe mich jetzt in den Alltagsstress.

Auch ist das vielleicht nicht eigentlich Liebe, wenn ich sage, daß Du mir das Liebste bist; Liebe ist, daß Du mir das Messer bist, mit dem ich in mir wühle.

Verbringe die Zeit nicht mit der Suche nach einem Hindernis - Vielleicht ist keines da.

Laß doch die Zukunft noch schlafen, wie sie es verdient. Wenn man sie nämlich vorzeitig weckt, bekommt man dann eine verschlafene Gegenwart.

Und zu guter Letzt noch ein Satz, der als Rechtfertigung für das Rausschleudern meiner kleinen Gedanken in die große weite Blogwelt zu sehen ist:

Wenn ich etwas sage, verliert es sofort und endgültig die Wichtigkeit, wenn ich es aufschreibe, verliert es sie auch immer, gewinnt aber manchmal eine neue.