Do 20 Nov 2008
winterliche Literaturerschließung
Posted by somuchcloser under .
Ich gebe es zu - und diejenigen Leser, die mich schon wirklich lange kennen, werden sich vielleicht erinnern - ich hatte immer eine Abneigung gegen Kafka. Mittlerweile vermute ich, dass der Deutschunterricht mir die Chance geraubt hat Kafka an mich heranzulassen, denn das Analysieren und Interpretieren der einzelnen Bausteine und Ebenen verhindert manchmal einen klaren Blick auf die so eindrückliche Atmosphäre. Vielleicht war ich auch einfach jung, blöd und ignorant. Das kann ich aber jetzt nicht gut zugeben, da ich ja doch ziemlich altklug war.
Jedenfalls stoße ich schon seit geraumer Zeit immer wieder auf Zitate Kafkas, die eine erstaunlich große Wirkung auf mich haben. Angefangen hat es glaube ich mit folgendem Zitat:
“Das Buch ist die Axt für das gefrorene Meer in uns.”
Erschreckend, wenn ich überlege wie viel ich früher gelesen habe, und wie wenig ich heute lese. Manchmal entdecke ich eine regelrechte Unfähigkeit, mich auf Bücher einzulassen. Wenn man Medientheorien glauben schenkt, dann liegt das vor allem an der verstärkten Nutzung des Internets und ähnlich schnelllebigen Kommunikations- und Informationsvermittlungsmedien, die die Konzentrationsspannen verkürzen. Vielleicht liegt es aber auch tatsächlich daran, dass das Lesen von Büchern manchmal unbequem intensiv ist. Dies trifft zumindest auf die Texte Kafkas zu, die ich immer noch nicht bis ins Detail verstehe, die aber in mir heute Emotionen jenseits des “Der ist doch geisteskrank” wecken. So zum Beispiel auch folgende Parabel:
Ich befahl mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeute. Er wusste nichts und hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er mich auf und fragte: “Wohin reitest du, Herr?” “Ich weiß es nicht,” sagte ich, “nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.” “Du kennst also dein Ziel?” fragte er. “Ja,” antwortete ich, “ich sagte es doch: »Weg-von-hier«, das ist mein Ziel.” “Du hast keinen Essvorrat mit,” sagte er. “Ich brauche keinen,” sagte ich, “die Reise ist so lang, dass ich verhungern muss, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Kein Essvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise.”
Ich merke eine gewisse Unfähigkeit, in Worte zu fassen was dieser Text in mir auslöst. Das erklärt wohl auch ein weiteres Mal meinen Unwillen, über Interpretationsansätze in einem unfreundlichen Klassenraum zu diskutieren.
Sätze, auf die ich bei meiner Kafka-Kennenlerntour gestoßen bin und die mich berührt und getroffen haben, möchte ich euch an dieser Stelle -wortlos meinerseits- an den Kopf knallen oder ans Herz legen. Ich für meinen Teil begebe mich jetzt in den Alltagsstress.
Auch ist das vielleicht nicht eigentlich Liebe, wenn ich sage, daß Du mir das Liebste bist; Liebe ist, daß Du mir das Messer bist, mit dem ich in mir wühle.
Verbringe die Zeit nicht mit der Suche nach einem Hindernis - Vielleicht ist keines da.
Laß doch die Zukunft noch schlafen, wie sie es verdient. Wenn man sie nämlich vorzeitig weckt, bekommt man dann eine verschlafene Gegenwart.
Und zu guter Letzt noch ein Satz, der als Rechtfertigung für das Rausschleudern meiner kleinen Gedanken in die große weite Blogwelt zu sehen ist:
Wenn ich etwas sage, verliert es sofort und endgültig die Wichtigkeit, wenn ich es aufschreibe, verliert es sie auch immer, gewinnt aber manchmal eine neue.
November 20th, 2008 at 1:38 pm
Gerade die letzten Zitate lassen mich die Menschen nicht verstehen, die mit Kafka nichts anfangen können. Mein Favorit war immer “Der_ploetzliche_Spaziergang“
November 20th, 2008 at 1:54 pm
jaja, ich verstehe es ja aus heutiger sicht auch nicht mehr. jetzt, nach lange fälliger intensiverer beschäftigung damit, bin ich der meinung, dass nur wenige so persönlich schreiben können wie kafka. und ja, das wird gerade in den zitaten deutlich, die jetzt wie ein mantra in meinem kopf umher schwirren.
der plötzliche spaziergang passt übrigens zu dir, finde ich. ich hab dich wiedergefunden
November 20th, 2008 at 5:43 pm
Kafka is doch manchmal nen cooler Typ. Wie die Meisten leider nur oft unverstanden.
November 20th, 2008 at 7:10 pm
oh, ein seltener gast
ja, die klugen habens halt nich leicht. so wie wir 
November 22nd, 2008 at 11:39 am
Also ich hab Kafka nur gelesen, um cool zu sein.
Aber du hast Recht, manche Autoren gehören nicht in die Schulliteratur. Einen Max Frisch kann man in dem Alter eigentlich auch noch nicht wirklich verstehen. Aber eben, wahrscheinlich würde die sonst gar keiner mehr lesen, sondern alle nur noch Nick Hornby, oder solche Sachen.
November 23rd, 2008 at 11:05 am
also ich mochte deutsch in der schule ja immer, und hab auch gerne interpretiert und so. stiller von max frisch zb auch
und es is schon wichtig, dass sowas gelesen wird. aber hach. manchmal verdirbt das halt auch einiges. so wie viele gedichte in der schulzeit hassten.
und nichts gegen nick hornby
November 23rd, 2008 at 7:33 pm
ich hab nick hornby in der schule gelesen und den mochten da auch ein paar nicht. liegt wohl also an der schule, nicht am autor/buch/gedicht!?
November 23rd, 2008 at 8:06 pm
ich glaub, die rechnung geht so nich auf
November 24th, 2008 at 10:17 am
Nick Hornby in der Schule? Hab ich ja noch nie von gehört…Das kann doch eigentlich nur Spaß gemacht haben.
November 24th, 2008 at 2:05 pm
ich kenn mehrere, die den in der schule gelesen haben. und ich weiß nich, wie gesagt, gezwungenes interpretieren kann sachen halt auch verderben. allerdings hat es bestimmt mehr spaß gemacht als der schimmelreiter
wobei, wenn ich mittlerweile kafka mag, vielleicht würde mir sogar der jetzt gefallen. hmm naja, oder auch nicht…
November 24th, 2008 at 2:06 pm
Also Stiller hätte ich ja zu Schulzeiten nie und nimmer verstanden. Zumindest hätte ich es anders interpretiert als heute. Wir haben damals Homo Faber gelesen, was ich zwar toll fand, aber selbst das habe ich damals noch gar nicht richtig verstanden.
Mal so nebenbei, kennst du Harry Mulisch?
November 24th, 2008 at 2:46 pm
nein, kenn ich nicht. ist das eine empfehlung?
vielleicht sollte ich stiller doch nochmal lesen, wer weiß, wie ich ihn heute verstehen würde. mein altkluges, postpubertäres ich jedenfalls mochte es. homo faber hat der andere kurs gelesen. auch empfehlenswert?
ho gott, is ja nich so als würden hier noch 2 tolle bücher auf meine lesefaulen augen warten.
(ich bin heute abend bei death cab und dachte, ich schreib darüber n probeartikel, is das ok?)
November 25th, 2008 at 12:51 am
Ja, super Idee.
1. Empfehlung: Harry Mulisch - Die Entdeckung des Himmels
Kann allerdings sein, dass du damit in einen Glaubenskonflikt gerätst. Aber das Buch ist trotzdem spitze, wenn auch nicht ganz einfach.
2. Empfehlung: Ich bin grad dabei, mich durch den Max Frisch zu lesen. Seit gut einem Jahr schon. Wegen der Arbeit bin ich nicht weit gekommen. “Der Mensch erscheint im Holozän” hab ich aber durch, ist ja auch nur ein Büchlein. Fand ich sehr gut, besser als Homo Faber. Aber da warten auch noch ein paar Bücher auf mich.